Spitzensport im Kuhstall …
… und seine Auswirkungen auf das Tierverhalten
Springt heute einer aus der internationalen Sportlergilde einen Zentimeter höher und weiter oder überquert er die Ziellinie eine Hunderstelsekunde eher, sorgt das für dicke Schlagzeilen und fette Honorare. Alles peanuts und Schaumschlägerei! Denn: Die wahren Hochleistungshelden leben in Kuhställen.
Unglaublich: Seit zwanzig Jahren geben Kühe Jahr für Jahr 100-150 L mehr Milch. Die Weltmeister finden sich in Israel, wo alle Kühe im Durchschnitt 12′500 L pro Jahr produzieren. Hätte man dazumal unserem Tierzuchtprofessor an der ETH erzählt, dass Kühe zu derartigen Leistungen gepresst werden könnten, hätte er uns Studenten an der Prüfung glatt durchfallen lassen. Den zweiten Platz teilen sich Spanien, Japan und die USA mit 10’000L je Jahr und Durchschnittskuh.
Manch einer aus dem Land der Kuhschweizer – der Durchschnitt liegt hier abgeschlagen „lediglich“ um 8’000L - reibt sich da verwundert die Augen: Israel, Spanien – wo sind da die saftigen Gräser und die fetten Weiden, die eine Kuh braucht, um Milch zu machen? In der Tat hat die Milchvieh-Fütterung in diesen Ländern – und allgemein der Herden mit solchen Leistungen - nicht mehr viel mit naturgemässer Fütterung und Haltung zu tun. Der grösste Teil der Milch wird hier nämlich nicht mit Gras, Emd und Silage sondern aus Kraftfutter produziert, was für das Kuh-Verdauungssystem absolut widernatürlich ist!
So wie menschliche Hochleistungssportler sind auch die Milchleistungsriesen in den Kuhställen sehr anfällig auf Krankheiten –etwa des Stoffwechsels oder des Euters (Kein Wunder bei 40-50L Milch/Tag!)- und sie bedürfen ausgesuchter Pflege. Natürlich wird auch gedopt. Ganz legal in den USA, wo viele Kühe regelmässig leistungsfördernde Hormonspritzen kriegen, damit sie 20% mehr Milch geben. Kein Wunder, dass Hoch-leistungskühe nach ein, zwei Jahren bereits ausgelaugt sind und zum Schlachter gekarrt werden.
Was bedeutet nun diese hohe Leistungsbereitschaft in Bezug auf das Tierverhalten? Auf den ersten Blick fällt, bedingt durch das Rieseneuter, welches für bis zu 50L Platz bieten muss und mit 60kg am Kuhbauch zerrt, der breitbeinige, oft staksige Gang auf. Ein ele-ganter Galopp auf der Weide liegt da nicht mehr drin.
Wissenschaftler kennen 44 Rinder-Verhaltensweisen, die sogenannten „Funktions-bereichen“, also z.B. Bewegung, Fortpflanzung, Ruhen oder Körperpflege, zugeordnet werden. Das Verhalten ist im Prinzip genetisch festgelegt, wird aber durch die Umwelt und das Lernen individuell nachjustiert. In Bezug auf das Mensch-Tierverhältnis heisst das, dass eine frühe und positive Beschäftigung mit Rindern ihnen die angeborene Angst vor dem Menschen nimmt. Ein schlechter Kuhhalter ist deshalb auf den ersten Blick, aufgrund der Reaktionen seiner Tiere, erkennbar. Rinder vermögen übrigens eine grössere Anzahl Menschen an Grösse, Gestalt, Stimme oder Kleidung zu unterscheiden.
Fressen ist das Wichtigste für Kühe. Statt drei Mahlzeiten wie ein Mensch, nehmen sie bis zu 15 zu sich, 1/3 in der Nacht. Hochleistungskühe fressen dabei 1 Stunde länger pro Tag und Stehen mehr herum zum Wiederkäuen. Das geht dann auf Kosten der Ruhe. Diese Erholungsphase ist bei ihnen von 12 auf 10h reduziert. Um den schweren, ge-füllten Pansen und den Bauchraum zu entlasten, stehen Hochleistungskühe vorne gerne etwas höher. Kein Wunder ist bei soviel Arbeit und Leistung die Lust reduziert. Die fruchtbare Duldungsphase ist fast auf die Hälfte (6 Stunden) verkürzt, sodass ein Bauer hier schon genau hinsehen muss, damit er den richtigen Zeitpunkt für die Besamung nicht verpasst.
Hochleistungstiere sind viel weniger agressiv als ursprünglichere Rassen. Bringt man unvertraute Tiere zusammen, zeigen sie nur mehr etwa halb soviel aggressive Hand- lungen, die soziale Distanz ist verkürzt, d.h. andere Tiere dürfen ungestraft nahe heran-kommen, und sie Beriechen fremde Tiere dreimal so oft freundlich. Der Testoste-rongehalt von ursprünglichen Rassen ist im dritten Trächtigkeitsmonat gemessen fast doppelt so hoch, wie bei Hochleistungskühen. Auch ihr Muttertrieb ist schwächer ausgeprägt. Fremde werden weniger vom Kalb vertrieben und bei der Trennung vom Kalb rufen sie weniger nach ihm.
Wer eine Eringer- neben einer Holstein-Hochleistungskuh sieht, zweifelt keine Sekunde, dass beides Kühe sind. Doch an ihren Milchleistungsanlagen und ihrem Wesen gemessen, handelt es sich eigentlich um zwei verschiedene Tierarten.
Hansuli Huber


Am 24. August 2010 um 09:47 Uhr
Herr Huber hat ganz recht: diese Art von Hochleistungssport ist extrem und führt bei den Tieren zu schweren und meist schon züchterisch bedingten Krankheiten. Zudem ist es einmal mehr ein Fall von “übermässiger Instrumentalisierung” eines Lebewesens, was nach unserem TSchG einer massiven Beeinträchtigung des Wohlergehens gleichkommt!
Hier ist ein Artikel von tier-im-fokus.ch (tif) über die “Milchleistungen” der Kühe; Anlass war Simona, die 2000ste Kuh, die in der Schweiz bisher 100.000 kg Milch produzierte:
http://www.tier-im-fokus.ch/nutztierhaltung/ch_712-1640-5235-2/
Wer sich fürs Thema interessiert, empfehlen wir zudem unser Info-Dossier “Kühe und ihre Kälber”:
http://www.tier-im-fokus.ch/info-material/info-dossiers/kuehe_und_ihre_kaelber/
tier-im-fokus.ch (tif)
Am 7. September 2010 um 15:21 Uhr
Die tif Seite zu Simona ist gut gemacht, informativ: Gratulation. Kühe wie Simone sind zwar Hochleistungssportler, aber keine Sprinter, die nach 2 Laktationen bereits zum Schlachter gekarrt werden (das ist für mich das eigentlich Verwerfliche), weil sie ausgelaugt sind und an den Hochleistungskuh-Berufskrankeiten leiden, sondern Langstreckenläufer. Dass sie 8, 10 und mehr Laktationen durchhalten, bedingt einerseits eine super Konstitution und andererseits eine gute Kondition bei bester Hege, Pflege und Haltung. Ein solches Umfeld können oder wollen nur wenige Milchbauern ihren Tieren bieten.
Ein neues Merkblatt des Schweizer Tierschutz STS zeigt ein interessantes Phänomen auf. Ein initiativer Bauer kauft noch junge aber ausgelaugte Hochleistungskühe und pflegt und baut sie wieder auf. in einem grosszügigen Freilaufstall, mit viel Stroh, Weidegang und Verzicht auf Kraftfutter. Danach setzt er sie in seiner Mutterkuhhaltung ein.